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Vorsicht bei Missachtung von Ashbys Gesetz

Die immer weiter voranschreitende "Verwaltungswirtschaft" in der Projektlandschaft hat in den letzten Jahren gerade mit dem Mut der Verzweiflung versucht, das Komplexe in der vorgefundenen Welt durch Vorschriften und Standards auszublenden. Dabei wird in sträflicher Weise Ashbys Gesetz missachtet. Mit fatalen Konsequenzen.


Ashbys Gesetz in Kurzform


William Ross Ashby, ein Pionier der Kybernetik, formulierte erstmals 1956 das nach ihm benannte Gesetz der erforderlichen Varietät.
Es besagt, dass eine komplexe Umwelt nur durch ein entsprechend
komplexes Steuerungssystem effektiv geregelt werden kann. Mit anderen
Worten braucht Komplexität ihre Entsprechung in der Organisation.


Symptom und Ursache


Am schnellsten erkennt man eine Verletzung des Ashbyschen Gesetzes
an dem Versuch der Projektmanager, die Probleme in einem Projekt zu
trivialisieren. Dem Verhaltensmuster liegt oft eine unzulässige
Vereinfachung zugrunde, eine typische Lösungsstrategie. Indikatoren sind
Äußerungen wie "das ist doch subtrivial", "wie kann man den dafür so
lange brauchen", "ist doch ganz einfach, ...", "aber das ist doch
selbstverständlich ..., oder?" oder der Anruf des Pragmatismus als
universelle Vereinfachungsinstanz gepaart mit dem ominösen "gesunden
Menschenverstand".  


Die Ursache für dieses Verhalten ist leider - aufgrund der
Komplexität des Problems - nicht eindeutig auszumachen. Wesentlich sind
jedoch u.a. die Fertigkeiten der Manager im Umgang mit Unsicherheit.
Dabei wirkt sich fatal aus, dass sie den Unterschied zwischen komplex
und kompliziert nicht beachten.


Unterschied zwischen Komplexität und Kompliziertheit


Leider hat - zumindest in der IT-Branche - die allgemeine
Sprachverschmutzung und möglicherweise auch die Wichtigtuerei dazu
geführt, dass gemeinhin von Komplexität die Rede ist, wo oft
Kompliziertheit vorliegt. Dabei hilft mit ein Test herausfinden, was
denn tatsächlich der Fall ist. Man fragt sich, ob das betrachtete
Problem durch Lernen beherrschbar
wird. Kann man die Frage bejahen, so ist es lediglich ein kompliziertes
Problem.


Hierzu ein Beispiel: Wenn man die Aufgabe hat, in einer fremden Stadt
den Weg zu finden, so ist das zunächst ein schwieriges Problem.
Studiert man den zugehörigen Stadtplan, verschwindet die Schwierigkeit.
Das Problem war also lediglich kompliziert, weil anfangs zu wenig
Informationen vorlagen. Dagegen ist das Problem des Aufrechten Gangs
durch Lernen nicht zu bewältigen, auch das Studium von 100 Büchern über
das Gehen lässt uns keinen Schritt tun, hier hilft lediglich Üben.


Die Komplexitätsfalle


Trifft man auf ein tatsächlich komplexes Problem (wenn man es mit
Menschen in einem sozialen System wie einem Projekt zu tun hat, ist das
fast immer der Fall), so erlebt man ständig Überraschungen. Das ist für
Projektmanager aber unangenehm, weil sie diese Überraschung nicht
vorhergesehen haben. Also versuchen sie, das Problem als kompliziert zu
betrachten und rücken ihm mit ihrem Methodenkoffer der Gliederung und
Zerlegung zu Leibe. Damit wird die Dynamik aus dem Problem im Korsett
der Projektplanung abgewürgt und durch immer mehr Vorschriften und
Weisungen versucht, die Sache in den Griff zu bekommen.


Damit schnappt die Falle zu: alle Vereinfachungsmethoden verringern
die Varietät im System des Projektmanagements, welches ja die Lösung des
in wirklichkeit komplexen Problems ermöglichen soll. Somit richten sich
alle solchen Aktionen des Projektmanagements vor allem gegen sich
selbst. Der Projekterfolg kann so niemals eintreten. 


Therapie: Vernetzen und Führungskultur hinterfragen


Die Kybernetik beschäftigt sich mit der Erforschung komplexer
Systeme. Menschen sind nicht berechenbar, sie haben vielschichtige
Interessen, die alle irgendwie miteinander in Beziehung stehen.
Erkenntnisse und Einsichten der Kybernetik können helfen, Komplexität zu
handhaben und somit Projekte erfolgreicher machen. Strukturell wird von
der Kybernetik das Netzwerk als geeignet gesehen, die erforderliche
Varietät zur Steuerung komplexer Systeme zu bieten.


Neben einem offenen, auf Werten wie Respekt, Anerkennung und
kooperativen Führungsstil sollte daher Vernetzung der Projektmitglieder
untereinander und über die Projektgrenzen hinweg gefördert, zumindest
aber nicht verhindert werden. Auch wenn die agile Arbeitsweise nicht das
Silverbullet ist, nachdem seit bekanntwerden der Softwarekrise
gefahndet wird, so finden in agilen Teams selten unzulässige
Vereinfachungen statt und Ashbys Gesetz wird weitestgehend respektiert.


Und ein letzter Tipp: Oft kann man durch "Weglassen" zum Ziel kommen.
Was genau weggelassen werden sollte, überlassen wir jetzt mal dem
geneigten Publikum.


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